Elefanten
„Beeindruckende Tiere, nicht wahr?
Groß und stark und genau wie Du durchaus eigenwillig, mein Freund.“
Wir waren am Gehege der Elefanten angekommen.
Ich hatte mir gedacht, dass es eine Bereicherung für Hans sein könnte, sein Allgemeinwissen über die Tierwelt zu erweitern.
Da wir beide unsere gemeinsamen Spaziergänge mögen, hatte ich mich gegen Tierdokumentationen im Fernsehen und für einen Besuch im Zoo entschieden.
Hans war offensichtlich erfreut über die Vielfalt der Lebewesen und meine kurzen Erklärungen, um welche Spezies es sich handelt.
Da ich Elefanten besonders mag und eine Bank vor dem Gehege frei war, schlug ich vor, hier eine kleine Pause zu machen und uns mit den Leckerchen im Rucksack für ihn und mich zu stärken.
„Ich habe bei Gerda schon mal Elefanten im Fernsehen gesehen. Allerdings hatte ich nicht gedacht, dass sie so groß sind.“
„Das hier sind Indische. Die Afrikanischen sind noch etwas größer.“
Nicht nur für Hans und mich war gerade Fütterungszeit.
Eine Tierpflegerin war dabei, die Dickhäuter mit riesigen Portionen von Grünfutter zu versorgen.
„Ich habe früher auch mit Elefanten gearbeitet.“
Hans schaute mich mit einem Blickgemisch aus Erstaunen und Skepsis an.
„Hier im Zoo?“
„Nein, mein Freund, nicht im Zoo, in freier Wildbahn. Aber weder in Indien noch in Afrika, sondern hier in Deutschland.
Und auch nicht mit echten Elefanten.
Ich meine die im übertragenen Sinne. Ich habe dir ja erzählt, dass ich schon lange als Konfliktmoderator und Teamsupervisor arbeite.
Da gibt es häufig den Elefanten, der ganz plötzlich und unerwartet im Raum steht.
Was gerade noch ein normales Gespräch oder eine Diskussion zwischen zwei oder auch mehreren Menschen war, bekommt plötzlich eine Wendung. Da fällt vielleicht eine Bemerkung, es gibt eine Geste oder Mimik und plötzlich steht dieser Elefant im Raum.“
„Ein echter Elefant?“
„Nein, kein Echter. Ein metaphorischer, unsichtbarer, aber spürbarer Elefant.
Es wird eng, manche bekommen Angst. Manche werden auch wütend, weil ihnen der Elefant im Weg steht oder sie Elefanten hassen.
Ich habe auch schon Situationen erlebt, in denen nicht nur ich sofort gemerkt habe, dass jemand so einen Elefanten mitbrachte.
Manchmal sind es vermeintlich Kleinigkeiten. Dann spricht man zurecht davon, dass aus einer Mücke ein Elefant gemacht wurde.
Das ändert allerdings nichts daran, dass der Elefant erst einmal da ist.
Manchmal sind es aber auch große Dinge, dann ist auch der Elefant entsprechend groß.
Es kommt auch vor, dass eine ganze Elefantenherde im Raum ist.
Dann heißt es, besonders vorsichtig zu sein und Ruhe zu bewahren, damit niemand überrannt oder plattgemacht wird.
Die Beteiligten haben jedoch meistens andere Reflexe und Impulse.
Es wird geschrien, meistens noch durcheinander, in der Hoffnung, den Elefanten damit zu vertreiben.
Oder es wird versucht, ihn von sich wegzuschieben.
Weil aber von unterschiedlichen Seiten geschoben wird, verändert der Elefant seine Position kaum.“
„Hast Du dann keine Angst?“
„Am Anfang schon. Wahrscheinlich ging es mir wie der Tierpflegerin hier im Zoo.
Man lernt den Umgang in der Ausbildung und da lernt man auch, achtsam und respektvoll mit den Elefanten und in meinem Fall auch den Menschen umzugehen.
Es braucht aber auch eine Portion Mut für die Arbeit mit Dickhäutern.
Mit sanftem Einwirken lässt sich die Position verändern. Es ist hilfreich, den oder die Elefanten so zu bewegen, dass alle von allen Seiten hinschauen können.
Meistens schrumpfen sie dann. Manchmal muss man auch den einen oder anderen Elefanten bitten, die Situation zu verlassen.
Das geht, wenn man ihm verspricht, sich später um ihn zu kümmern.
So entsteht für die Menschen die Chance, sich zu bewegen, neue Standpunkte kennenzulernen und einzunehmen.
Der Staub, der aufgewirbelt wurde, legt sich. Die Lage wird übersichtlich. Die Luft wird besser und klarer.
Und dadurch kann die Sicht auf Lösungen freiwerden.“
„Gibt es denn immer Lösungen?“
„Nein, die gibt es nicht immer. Manche Menschen wollen oder können sich nicht von ihren Elefanten trennen.
Dann geht es darum, zu lernen mit Elefanten zu leben.
Oder sie auf Mückengröße zu schrumpfen. Aber auch das ist kein nachhaltiger Kompromiss.
Du weißt selbst, wie nervig es sein, wenn permanent eine Mücke um einen herumschwirrt.
„Ganz schön anspruchsvoll, deine Arbeit!“
„Zum Glück habe ich -anders als die Tierpflegerin - nicht jeden Tag mit Elefanten zu tun. Und die echten sind gefährlicher.“
„Was würde wohl die Tierpflegerin sagen, was ihr Geheimrezept für ihre Arbeit ist?“
„Das Wichtigste ist, Ruhe zu bewahren. Schreien und Toben sind nicht gut beim Umgang mit Elefanten.
Mir fällt dazu ein Lied aus dem Film "Das Dschungelbuch" ein.“
Ich war mir nicht zu dumm, Hans hier im Zoo aus dem Lied vorzusingen.
„Versuchs mal mit Gemütlichkeit, mit Ruhe und Gemütlichkeit jagst Du den Alltag und die Sorgen weg…“
Hans unterbrach mich jäh.
„Wo ich Dich gerade singen höre. Hattest Du nicht gesagt, dass sie auch ein Wolfsgehege haben?
Ich würde gerne mal bei meinen Ahnen vorbeischauen!“
© Hans Lunkeit
P.S.
Es ist leicht und
braucht nur einen Augenblick,
um aus einer Mücke einen
Elefanten zu machen.
Die Rückverwandlung kostet
viel Zeit und Kraft.
Aber auch Mücken sind Störenfriede.