Zeitkampf
Ich hatte einen Termin am für meine Verhältnisse frühen Morgen.
Das bedeutete eine Stunde früher aufstehen. Nur kurz frühstücken und auch im Bad beim Duschen und Zähneputzen schneller machen und einen Zahn zulegen.
Der Morgenspaziergang mit Hans fiel auch kürzer aus als gewöhnlich.
Seine Beschwerde kam postwendend und sollte am Abend noch einmal Thema werden.
Es dauerte nämlich bis zum Abend, bis mein Tagesprogramm erledigt war und ich gehetzt nach Hause kam. Noch schnell essen, um endlich die Beine hochlegen zu können und etwas Wichtiges zu tun: nichts!
Der Plan scheiterte daran, dass Hans neben mir auf dem Sofa Platz nahm.
„Wir müssen reden“, flüsterte er mir leise, aber bestimmt zu. Sprechzeit findet bekanntlich nur statt, wenn wir allein sind, was nicht der Fall war.
Meine Frau telefonierte zwar noch mit Tochter 1, es war aber nicht absehbar, wann sie auflegt und das Geheimnis zwischen Hans und mir gefährdet sein könnte.
„Ich bin wirklich müde und schlapp. Können wir es nicht auf morgen verschieben, wenn ich frischer bin und wir mehr Zeit haben?“
„Genau um Zeit geht es und es ist wichtig. Lass uns eine kleine Runde gehen. Die frische Luft wird Dir guttun.“
„Okay, aber wirklich nur eine kurze Runde an der Lenne.“
„Sprichst Du mit mir?“
Die Frage kam aus dem Arbeitszimmer. Meine Frau hatte offensichtlich das Telefonat beendet.
„Nein, mit mir selbst und dem Hund. Er meint, ich sollte noch eine Runde mit ihm gehen!“
„Ein kluger Hund. Tut euch beiden gut!“
Wer selbst einen Hund hat weiß, dass es unverfänglich und völlig normal ist, zu behaupten, dass der Hund einen Wunsch äußert. Alle sprechen mit ihren Hunden.
Die Besonderheit bei uns ist halt, dass Hans mir antwortet.
Also rappelte ich mich noch einmal für einen kleinen Spaziergang auf.
Wie erwartet, waren nur noch wenige Leute unterwegs.
„Dann schieß mal los, was so wichtig und dringend ist, dass es keine Zeit bis morgen hat!“
„Genau darum geht es. Bist du eigentlich in einem Zeitkampf?“
„Einem Zeitkampf?“
„Ja, einem Kampf mit und um Zeit.
Wie oft sprichst Du über Zeit?
Auch davon, dass Dir die Zeit davonläuft?
Oder auch über verlieren oder gewinnen.
Du sagst oft etwas wie:
Wenn ich diese Strecke fahre, habe ich 10 Minuten Zeit gewonnen!
In dem Stau haben wir schon 28 Minuten verloren!
Ich beobachte ja nicht nur Dich, sondern auch andere.
Viele sprechen darüber, dass Zeit gewonnen oder verloren wird:
Mit dem/der geredet zu haben, war verschwendete, verlorene Zeit!
Ich war heute viel schneller mit der Arbeit fertig und habe Zeit gewonnen!
Dass dieser Termin ausfiel, war ein echtes Zeitgeschenk!
Zeit ist offensichtlich wertvoll. Etwas, mit dem man bezahlt, sie sich erkauft, sie verschenkt oder auch geschenkt bekommt.“
„Wir Menschen haben eine Redensart: ‚Zeit ist Geld!‘
Das sagt man nicht umsonst.
Es ist eine Beschreibung Ihres Wertes.
Manche können gut mit Geld umgehen, betreiben Handel mit Gold, Aktien oder Bodenschätzen. Alles, um den persönlichen Besitz zu vermehren. Aber Gold und andere Güter kann man nicht managen, nur den Handel damit, die Arbeit.
Das Gleiche gilt für Zeit. Die Zeit selbst kannst Du nicht managen. Sie ist eine feste Größe.
Eine Minute hat 60 Sekunden, eine Stunde 60 Minuten und der Tag 24 Stunden.
Das macht sie wertvoll. Da machst Du nichts.“
„Woran Du aber etwas machen kannst, das bist Du und Dein Umgang mit Dir und Deinen Aufgaben, Beziehungen und Haltungen. Du kannst verschwenderisch sein oder geizig.
Am Ende des Tages weißt Du dann, wo und ob es sich gelohnt hat, zu investieren oder zurückhaltend gewesen zu sein.
Dein Gewinn lässt sich aber nicht in Zeit messen.
Die Maßeinheiten sind Deine Zufriedenheit, Glück, Erfolg und …
Wenn es richtig gut gelaufen ist, haben auch Deine Mitmenschen etwas gewonnen. Keine Zeit, vielleicht Erinnerungen, Erfahrungen?
Wenn Du Kinder oder Hunde beim Spielen beobachtest, kannst Du manchmal sehen, dass sie ganz im Spiel, in Ihrer eigenen Welt versunken sind.
Zeit spielt keine Rolle. Den Blick auf Zeit haben sie vielleicht noch nie gehabt, auf jeden Fall haben sie ihn gerade verloren.“
„Das klingt friedlich und gar nicht nach Kampf!“
„Deswegen wollte ich mit Dir sprechen.
Es ist Zeit, dass Du auch jetzt noch, wo Du erwachsen bist, solche Momente hast oder Dir ganz bewusst verschaffst.
Momente, in denen Du zeitverloren irgendwo allein gehst, stehst, liegst oder sitzt. Oder mit einem netten Menschen oder einem wundervollen Hund wie mir redest, lachst, tanzt, zärtlich bist und vielleicht auch schweigst.
Im Moment, ganz zeitverloren.“
„So wie jetzt gerade! Ein echter Gewinn. Danke für das Geschenk.“
Wir machten uns auf den Heimweg.
Meine Frau empfing uns mit den Worten: „Ihr habt euch ja doch mehr Zeit genommen!“
„Stimmt. Es war aber keine Fehlinvestition. Ich bin klarer im Kopf.“
Hans und ich machten es uns auf dem Sofa bequem.
Ich flüsterte ihm ein Dankeschön ins Ohr und noch einen Satz mehr:
„Du bist echt ein Gedicht von einem Hund.“
Er hob den Kopf und schenkte mir einen seiner verschmitzten und wissenden Blicke.
Das Fragezeichen in meinem Gesicht war riesengroß. Er hätte auch ein winziges wahrgenommen.
„Nicht jetzt“, war seine kurze Antwort.
Dann legte er seinen Kopf auf meinen Bauch und atmete tief aus.
Ein klares Signal für eine Auszeit.
© Hans Lunkeit
P.S.
Dein Umgang mit Zeit
spiegelt Deinen Umgang mit Dir.