Weltmeisterschaft
Weltmeisterschaften sind die Spitze der Wettbewerbe. In jeglicher Sportart. Am Ende geht es darum, wer am besten ist und seine Konkurrenten besiegt.
Es braucht viel Ehrgeiz, Talent, Training und auch Leidensbereitschaft und -fähigkeit, um dabei sein zu dürfen, sich für das Finale zu qualifizieren und am Ende zu gewinnen. Gleichgültig, um welche Disziplin es geht, es treffen sich die Besten der Besten.
Sie treffen in Sportarenen aufeinander. Auch zu Wasser und in der Luft. Oder auch in speziell für den Anlass gesperrten Straßen.
Und um die Ecke. Im Restaurant, in der Kneipe, im Bus oder an der Haltestelle, einer Feier oder auch im Café.
Im letzteren saß ich mit Hans. Wir beide mögen es, nach einem Spaziergang noch kurz einzukehren.
Frisches Wasser für Hans und einen schönen heißen Cappuccino und ein Stück Kuchen oder eine Waffel für mich.
Und weil auch in Cafés die Gesetze der Schwerkraft gelten, fallen immer mal ein paar Krümel nach unten. Hans und ich haben den gleichen Geschmack. Deshalb sind die Krümel, deren Größe durchaus variieren kann, relativ schnell vom Boden verschwunden.
Wir hatten einen schönen Platz gefunden. Eine halbe Stunde oder etwas mehr nur für uns, ein bisschen ausruhen, uns stärken und den eigenen Gedanken nachhängen.
Das war der Plan. Es kam etwas anders.
Ohne unser Zutun saßen wir wie von Zauberhand gemacht auf einem VIP-Platz in einer Arena.
Acht Menschen, Athleten, Kämpferinnen und Kämpfer, wie soll man sie sonst nennen, setzten sich an den Tisch in Hör- und Sichtweite zu unserem.
Alle älteres Semester - schrecklich, es so zu nennen, weil sie nicht viel älter waren als ich - offenbar schlachtenerprobt,
vom Kampf gezeichnet und zu allem entschlossen. Das konnte ich in ihren Gesichtern sehen. Alle Geschlechter waren vertreten.
Eine gewisse Anspannung war zu spüren. Athleten, die darauf warten, dass es endlich losgeht. Die Bestellungen wurden aufgegeben.
Die Spannung stieg. Darüber konnte auch der Small Talk nicht hinwegtäuschen. Ein bisschen wie bei Fußballspielen,
wenn die Mannschaften in den Katakomben des Stadions warten, bis es auf den Platz geht.
Die Getränke wurden serviert und es war, als wäre das das Zeichen gewesen.
Ich bin sicher, dass die Bedienung „Wohl bekomm's“, gesagt und nicht, „Lasset die Spiele beginnen!“, gerufen hat.
Entweder waren alle Teilnehmenden maximal durchtrainiert oder hatten sich auf dem Weg zum Treffen schon warmgemacht.
Denn es ging sofort los.
Die Unzufriedenheits-Weltmeisterschaft hatte begonnen.
Anders als bei anderen Sportarten gab es kein vorsichtiges Abtasten. Es ging sofort zur Sache.
Die Langsamkeit der Bedienung, der Preis für einen Kaffee, das Wetter, keine kostenlosen Parkplätze direkt vor der Tür. Überall Baustellen.
Die Intensität nahm zu: „Typisch Deutschland. Wir sperren einfach mal was ab und dann kommen wir vielleicht in einem Jahr wieder.“
„Die arbeiten alle doch nicht richtig. Die müssten mal richtig malochen.“
Ich bemerkte, dass Hans mich von der Seite irritiert anschaute.
„Wir sind zufällig in eine Weltmeisterschaft geraten. Warts ab, es wird noch furioser“, flüstere ich Hans zu.
Und wie versprochen ging es munter mit steigender Intensität weiter. Querbeet.
Das Gesundheitssystem, Politik, die Sicherheit, Energiekrise, Preise, Sozialverhalten, Arbeitslose, Bürgergeld, halbvolle Regale in den Supermärkten.
„Armes Deutschland, was ist aus uns geworden?“, sagte einer aus der Runde. Ich spürte, dass sie gerne aufgestanden wären und es wie einen Schlachtruf gerne laut geschrien hätten.
Es wurden viele Länder aufgezählt, in denen alles besser ist. Ich zuckte zusammen. Bei Hans war ich mir nicht sicher,
ob es die Reaktion auf mein Zucken war oder auf die Botschaft:
„Unter Putin würde es so etwas nicht geben!“
Fast wäre ich resigniert, verzweifelt und beinahe auch traurig geworden, dass ich in einem so schrecklichen, unterentwickelten, armen und unwirtlichen Land leben muss.
Aber nur fast.
Hans hatte mich mit seiner Schnauze angestupst und – weil es in Cafés keine Sprechzeit gibt – mir einen Blick zugeworfen,
der mich daran erinnerte, wieso wir in dieses Café gegangen waren. Zeit für Hans und mich, eine leckere Tasse Cappuccino, Wasser, Kuchen.
Und so hing ich einfach schönen Gedanken nach.
Zum Beispiel, dass es Cafés gibt. Dass ich Menschen um mich habe, die mir wichtig und denen ich wichtig bin.
Ausgenommen die an Tisch 7.
Und dass ich einen Hund habe, der offensichtlich gerade das Richtige tat. Er hatte sich hingelegt, die Augen geschlossen und hing offensichtlich schönen Gedanken nach. Vielleicht den gleichen wie ich.
Dass wir auf unserem Spaziergang am Fluss einen Silberreiher gesehen hatten, wie er ganz vornehm durchs seichte Wasser schritt und sich dann majestätisch in die Lüfte erhob.
Dass wir ein Zuhause haben.
Dann war es für uns Zeit, aufzubrechen.
Kurz verspürte ich den Impuls an den Nachbartisch zu gehen und den Wettkämpfern mein aufrichtiges Beileid auszusprechen.
Aber der Kampf, wer wohl am unzufriedensten sei, tobte noch und es war kein Ende in Sicht. Erstaunlich, wofür man so viel Kraft mobilisieren kann.
Aber wie bei allen anderen Weltmeisterschaften auch, braucht man Talent, Ehrgeiz und Leidensbereitschaft.
Offensichtlich waren die Besten der Besten am Start.
Sie hätten mich gar nicht gehört.
Hans hatte wohl Lust, sie noch ein bisschen anzufeuern. Er knurrte bedrohlich, als wir an Tisch 7 vorbeigingen.
„Überall Hunde, und nachher liegt die Scheiße wieder auf dem Bürgersteig!“
Harte Sprache, aber „Schön“ gewinnt keine Weltmeisterschaft.
„Bist Du auch manchmal unzufrieden?“
fragte mich Hans als wir ein Stück entfernt und allein waren.
„Natürlich. Ich glaube, das lässt sich kaum verhindern. Aber mir fehlt der Ehrgeiz, das Talent und auch Leidensbereitschaft und -fähigkeit und insbesondere die Lust, Meister, geschweige denn Weltmeister wie die Kämpfer von Tisch 7 zu werden.“
„Die Menschen könnten viel von uns Hunden lernen. Ich bin auch manchmal unzufrieden. Dann knurre ich und zeige auch mal die Zähne.
Aber dann ist die Situation vorbei. Und mit ihr auch die Unzufriedenheit.
Der Sinn des Lebens liegt doch darin, sich wohlzufühlen.
Ich habe unter anderem schon fast vergessen, dass ich vorhin beim Kuchen etwas zu kurz gekommen bin.
Wenn Du mich gleich zu Hause ein bisschen kraulst, ist es aus meinem Gedächtnis gelöscht.“
„Ich kann Dich auch hier kraulen!“
Ich knuddelte meinen tierischen Freund ordentlich durch.
„Und ist es weg?“
„Was?“
© Hans Lunkeit
P.S.
Es hat einen Grund,
wieso im Wort Zufriedenheit
Frieden steckt.
Immer wenn Du zufrieden bist,
spürst Du ihn.