Tu-Es-Day, 20.01.2026

Gewohnheiten

 

„Wo warst Du so lange? Ich warte schon ewig auf Dich!“

 

Mancher Mann, manche Frau mag so einen Satz von einem eifersüchtigen oder ungeduldigen Lebensgefährten kennen.

Offenbar habe ich mit Hans einen eifersüchtigen Lebensgefährten in Hundegestalt.

„Könntest Du Dich nicht wie jeder andere normale Hund im wahrsten Sinne des Wortes tierisch freuen, wenn ich nach Hause komme?“

 

„Ich bin eben kein normaler Hund. Also: Wo warst Du so lange?“

 

„Lass mich bitte ankommen und mich umziehen, dann erzähle ich es Dir.“

 

Als ich fertig war, wartete Hans schon auf dem Sofa auf mich.

Einen Moment dachte ich, wie verrückt es ist, sich vor seinem Hund zu rechtfertigen.

Aber das Geschehen mit und um Hans ist sowieso verrückt.

 

Also setzte ich mich zu ihm und begann:

„Ich war arbeiten. Und am besten erkläre ich Dir auch sofort, was mein Beruf ist!“

Und weil ich es schon immer großartig fand, wie sich James Bond vorstellt, machte ich es mal genauso.

„Darf ich mich vorstellen?

Mein Name ist Lunkeit, Hans Lunkeit.

Ich habe die Lizenz zu töten.

Mein Beruf ist Gewohnheitsmörder!“

 

Falls Hans einen Moment Angst verspürt hatte, ließ er es sich ganz Corgi-like nicht anmerken.

 

„Ich erzähle Dir am besten die ganze Geschichte.

Ich hatte bereits länger eine gewisse „Neigung“ in mir bemerkt. Dass ich zum Gewohnheitsmörder wurde, hatte mit einer großen Liebe zu tun.

Für mich war es Liebe auf den ersten Blick. Ich sah sie bei einem Einkaufsbummel. Es dauerte aber, bis wir endlich zusammenkamen.

 

Von da an war es wunderschön mit ihr. Wir verbrachten viel Zeit miteinander.

Ich brauchte sie nur zu sehen und mir ging das Herz auf. Oft habe ich ihr gesagt, wie sehr ich sie liebe. Sie konnte es nie sagen. Aber das machte mir nichts aus.

Wir gehörten einfach zusammen, auch wenn wir so verschieden waren. Ich war schon immer sehr empathisch, sie nicht so sehr.

Gefühle waren nicht ihr Ding.

Ich mag Neues, sie liebte eher das Beständige. Sie hat aber jede Veränderung geduldig und schweigsam mitgemacht.

Ich muss allerdings zugeben, dass ich meine Wünsche immer um sie herum gestrickt und auch auf das eine oder andere verzichtet habe.

Ihr zuliebe.

Irgendwann entstand in meinem Kopf eine Idee für eine große, attraktive Veränderung, die ich unbedingt wollte. Leider musste ich feststellen,

dass sie mir dabei im Weg stand.

Alle meine Versuche, sie auf meinem Weg mitzunehmen, scheiterten leider an ihrer Unbeweglichkeit. Meine Idealvorstellung war mit ihr nicht zu erreichen.

Ich wollte keine faulen Kompromisse mehr machen.

Es war für mich schmerzhaft zu erkennen, dass ich mich von ihr trennen musste, wenn meine Pläne Realität werden sollten. Ich konnte mir aber auch nicht vorstellen, sie nach einer Trennung einem anderen zu überlassen.

Sie hatte von alldem nichts mitbekommen. Wie schon gesagt, Gefühle und Empathie waren nicht ihre Sache.

 

Das hatte aber auch etwas Gutes.

Sie hat nichts gespürt, als ich sie in kleine Teile zersägt und anschließend in die Müllverbrennungsanlage gebracht habe.

Die Arbeiter dort schauten mich schon komisch an, weil ich sichtbar traurig war, als ich sie dorthin brachte. Sie haben aber auch nicht gefragt.

Im Wegfahren sah ich ihr Kopfschütteln im Rückspiegel.

Auf dem Weg nach Hause habe ich geweint.

So eine Trennung ist immer schmerzhaft. Ich spürte aber auch schon eine gewisse Erleichterung, die stärker und stärker wurde.

Die Vorfreude auf das Neue nahm zu.  Und was soll ich sagen? Meine Pläne wurden Wirklichkeit. Es ist wunderschön geworden.

Mit ihr wäre das nie geschehen.

Ich bereue nichts. Nicht die Zeit mir ihr. Nicht die radikale Trennung.“

 

„Was haben Deine Familie und Deine Freunde dazu gesagt? Die müssen doch etwas davon mitbekommen haben! Und ihre Familie?

Hat sich niemand über ihr Verschwinden gewundert und nachgeforscht?“

 

„Nun, meine Familie und meine Freunde wissen Bescheid und verstehen mich.

Ihre Familie und ihre Freunde habe ich nie kennenglernt. Sie stammte aus Schweden. Ihr Name war übrigens Meraker. Sie war ein wundervolles rotes Buffet aus Kiefernholz. Nur ohne sie waren die Umbauten in unserem Haus möglich.

Aber apropos Familie. Neulich habe ich eine Schwester von ihr im Internet gesehen. Sie sollte verkauft werden. Über Ebay! Das hätte ich nicht gekonnt!

Verrückt? Vielleicht!

Aber so ist das eben mit Gewohnheiten. Es braucht manchmal radikale Veränderungen, um sie loszuwerden.

Seitdem arbeite ich hauptberuflich als „Gewohnheitsmörder“ und unterstütze Menschen dabei, sich von alten Mustern und Gewohnheiten zu lösen.

Vor längerer Zeit sagte mir mal jemand nach ein paar Wochen gemeinsamer Arbeit, dass ich zunächst seine „Notlösung“ gewesen sei.

Ich habe das als Kompliment empfunden, weil das oft meine Rolle ist, Not zu lösen.

 

Aber ganz ehrlich! Es gibt einen Anteil in mir, dem der Berufstitel „Gewohnheitsmörder“ noch besser gefällt.“

 

„Und heute hast Du wieder jemandem Beihilfe zum Mord geleistet?“

 

„Noch nicht ganz, wir sind in der Planung und Vorbereitung!“

 

„Gewohnheiten können doch aber auch schön sein. Zum Beispiel unsere gemeinsamen Spaziergänge, das Ballspielen und auch unsere Gespräche.“

 

„Da hast Du absolut recht. Ich möchte das alles auch nicht missen. Ich habe da auch keinerlei Mordabsichten. Das soll immer so bleiben.

Allerdings solltest Du Dir abgewöhnen, mich zu Rede zu stellen, wenn ich mal ohne Dich unterwegs war.“

 

„Ich mag das selbst nicht an mir. Ich glaube, dass die Trennung von Gerda in mir doch Spuren hinterlassen hat. Sie werden verschwinden,

wenn ich mich daran gewöhnt habe, dass Du immer wieder kommst.“

 

„Verlass Dich drauf!“

 

Ich machte mich auf dem Sofa lang. Hans legte seinen Kopf auf meinen Bauch und atmete tief aus.

Wir machten zusammen ein kleines Nickerchen.

Eine schöne neue Gewohnheit. Sie ist nicht in Lebensgefahr.

 

© Hans Lunkeit

 

P.S.

Gewohnheiten sind wie Besuche.

Bei manchen freut man sich,

wenn sie da sind und lange bleiben.

Bei manchen, wenn sie gehen.

Manche muss man rausschmeißen.

 

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