Tu-Es-Day, 17.03.2026

Trauen

 

Es ist schon ein paar Tage her. Es war im Sommer 1988. 

Der Urlaub auf Zypern. Meine Frau und ich waren auf einem Moped unterwegs. Die Küste in der Nähe von Paphos entlang.

Traumhafte Buchten und kristallklares Wasser. An einer Stelle hatte etwa 50 m vom Kiesstrand entfernt die Natur eine besondere Felsformation geschaffen.

Eine riesige Brücke aus Stein. Mitten im Meer und bis zur Unterkante mit diesem türkisblauen Wasser angefüllt und von der Sonne perfekt ins Licht gesetzt.

Ich hatte mir vorgestellt, wie es sein müsste, durch diesen Felstunnel hindurchzutauchen. Es war eine verlockende Idee.

Leider war von Land aus nicht einzuschätzen, wie lang die Tauchstrecke sein würde.

Es war schon ein wuchtiger Felsklotz, der auch innen sehr schroff war.

Mein Gefühl sagte mir: „Das musst Du machen! Wie großartig wird es sein, wenn Du da ins Licht tauchst!“

Mein Verstand sagte mir: „Lass das lieber. Du weißt nicht, wie lang die Strecke ist. Womöglich gibt es eine fiese Strömung, die Dich an die Felswände spült und Dir den Rücken bricht!“

Mein Verstand hat gewonnen. Leider! Leider?

 „Ich weiß nicht, ob ich mich trauen soll.“

 

„Was trauen?“

 

Hans schaute mich ein wenig irritiert an, weil mein Satz so ohne Zusammenhang während unseres Spaziergangs so plötzlich da war.

„Es ist hier so ein wunderschöner Platz an der Lenne. Die Morgenluft duftet frisch und der Sonnenschein ist herrlich.

Schon eine ganze Weile denke ich darüber nach, wie es wohl sein würde, mit Blick auf den Fluss ein paar Qi Gong-Übungen zu machen.

Ich mag diese sanften, meditativen Bewegungen.“

 

„Das ist nicht das Mittelmeer, Du musst nicht tauchen. Du bleibst an Land und hast festen Boden unter den Füßen!“

 

Bei unserer ersten Begegnung im Tierheim hatte Frau Wollmann behauptet, Hans könne Gedankenlesen. Nachdem, was seitdem geschehen war, sollte es mich eigentlich nicht wundern, dass er von Zypern wusste.

 

„Was sagt dein Gefühl?“

 

„Das wird sich wunderbar anfühlen!“

 

„Und Dein Verstand?“

 

„Mach das nicht. Wenn andere vorbeikommen, denken die, dass Du ein Spinner bist!“

 

„Und? Wer gewinnt?“ 

Ich dachte kurz an Zypern und diesmal gewann mein Gefühl, weil die Verletzungsgefahr doch sehr gering war.

Und was soll ich sagen? Es war wunderschön. Die Qi-Gong-Übungen, aber besonders das Gefühl, dass ich mich getraut hatte.

Irgendwie kam mir ein Lied von Herbert Grönemeyer in den Sinn.

Das Lied heißt „Kaufen.“

Passend zu meinem kleinen Erlebnis habe ich den Refrain auf dem Weg zurück zum Auto gesungen. Allerdings mit einem anderen Text:

„Ich trau’ mich was!

Mich trauen macht so viel Spaß.

Ich könnt mich ständig trauen gehen.

Mich trauen ist wunderschön!“ 

 

Ich nahm die Unterhaltung mit Hans auf.

„Wahrscheinlich hast Du Ähnliches erlebt oder haderst auch schon mal, ob Du Dich etwas trauen solltest.

Vielleicht gibt es etwas, das Du Dich noch nicht getraut hast.

Meine Erlebnisse auf Zypern und an der Lenne zeigen auf, dass die Bandbreite der Situationen groß sein kann.

Das Gefühl ist – glaub’ ich – das Gleiche. 

Die textsicheren Grönemeyer-Fans wissen, dass der Refrain noch weitergeht und es darin egal ist, was man kauft.“

 

 

 „Beim Trauen sehe ich das anders. 

Wie oft sagen andere: Trau Dich doch!

Es ist nicht egal, was Du Dich traust. Es ist unwichtig, was andere meinen, dass Du Dich trauen solltest.

Es geht ausschließlich darum, für welches Deiner Bedürfnisse Du eine Portion Mut benötigst, um Deine Bedenken, Ängste oder Hemmungen zu überwinden.

Manche kosten womöglich Geld, viele wahrscheinlich ‚nur‘ Überwindung und ein bisschen Zeit.“

 

„So, wie Du Dich getraut hast, mit mir zu reden?“

 

„Zum Beispiel. Du hast Dich aber auch getraut, es nicht einem Gehirntumor oder einer psychischen Störung zuzuschreiben.“

 

„Wo Du Tumor sagst: Mir fällt mir ein Film mit Morgan Freeman und Jack Nicholson ein.

Der Film heißt „Das Beste kommt zum Schluss“ und handelt davon, dass sich zwei alte und todkranke Männer auf die Reise machen, um sich Wünsche und Bedürfnisse zu erfüllen, für die sie keine Zeit hatten, es nie passte oder sie sich auch nicht getraut haben. Ein wunderbarer und berührender Film.“ 

 

„Ich denke, dass es eine kluge Idee ist, nicht bis zum Schluss zu warten, um sich zu trauen.

 

Es führt dazu, auf eine besondere Art und Weise in jedem Alter wohlhabend zu sein!“

 

© Hans Lunkeit

 

P.S.

Das Beste kommt nicht zum Schluss.

Das Beste kommt dann, wenn Du Dich traust.

 

 

 

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