Tu-Es-Day, 13.01.2026

Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr?

 

Immer, wenn ich diese Redensart höre, stellen sich meine Nackenhaare hoch, weil ich denke, dass jeder Mensch dazulernen kann,

unabhängig von seinem Alter.

Wenn er will.

Wahrscheinlich reagiere ich darauf empfindlicher als andere Menschen, denen dieser Satz entgegengebracht wird.

Durch die Verwendung meines Vornamens wird es sehr, sehr persönlich.

Ich musste an diesen Satz denken und sprach ihn aus, als ich mir vornahm, meinem neuen Weggefährten Hans beizubringen, ins Auto einzusteigen und das Fahren ohne Probleme zu erleben.

 

„Eigentlich müssten sich Deine Nackenhaare doppelt so hochstellen wie meine, wenn Du die Redensart hörst und sie verstehen solltest.

Schließlich bist Du nicht nur namentlich betroffen.

Es gibt tatsächlich eine tierische Variante mit der gleichen Botschaft:

Einem alten Hund bringt man keine neuen Kunststücke bei.“

 

Auf dem kurzen Weg von der Haustür zum Auto nahm ich allerdings keine Veränderung im Nackenfell bei Hans wahr.

Ich hatte mich zum Üben für den Kombi entschieden. Die Hundebox von Hans´ Vorgängerin hatte ich wieder eingebaut und der Einstieg erschien mir in Anbetracht seiner Beinlänge passender.

Der Plan war, zunächst einfach das Einsteigen zu üben. Nur nicht zu viel und nicht zu eilig.

Ich setze mich daher auf die Ladefläche neben die Box und klopfte mit meiner rechten Hand auf den freien Platz im Kofferraum.

Diese Geste kannte Hans wohl von seinem alten Frauchen und funktioniert im Haus hervorragend als Einladung, um auf dem Sofa Platz zu nehmen.

Allerdings passierte erst einmal nichts. Als Motivationsverstärker hatte ich ein paar Leckerli mitgebracht, die ich ihm zeigte und gleichzeitig mit der Hand das Signal gab, doch einzusteigen.

„Sei geduldig und verlang nicht zu viel auf einmal!“ Dieser Rat meiner Frau kam nach ein paar Minuten,

die sich wie eine Stunde anfühlten in meinen Kopf.

Der Tipp bekam in mir Akzeptanzprobleme. Geduld gehört nicht zu meinen Kernkompetenzen.

Hans meinte es wohl gut mit mir und sprang endlich auf die Ladefläche und schaute mich fragend an.

 

„Was machen wir hier?“

 

Obwohl Hans schon ein paar Tage bei uns war und er schon ein paarmal mit mir gesprochen hatte, war es immer noch ungewohnt und fremd,

dass ich verrückt geworden war oder mein Hund tatsächlich sprechen konnte.

Deswegen zuckte ich kurz zusammen, war aber nach einigen Sekunden doch in der Lage zu antworten:

„Ich möchte, dass Du lernst, im Auto mitzufahren.“

 

„Wie soll ich es lernen, wenn wir nicht fahren, sondern hier hinten sitzen? Du solltest am Steuer sitzen. Und damit eins klar ist: I

ch sitze nicht hier hinten, sondern vorne neben Dir. Ich will etwas sehen. Das geht hier hinten nicht und ich befürchte, dass mir hier schlecht wird.“

 

Ich fand, dass es einen Versuch wert war. Also gingen wir zur Beifahrertür. Hans sprang kommentarlos auf den Sitz.

Glücklicherweise hatte ich auch den Anschnallgurt für Hunde dabei.

„Zu Deiner Sicherheit. Ich schnalle mich auch gleich an!“

 

Ich stieg ein und startete den Wagen.

„Dann mal los“, sagte ich. „Sag Bescheid, wenn Dir schlecht wird. Nicht, dass Du mir ins Auto kotzt.“

 

„Wenn ich es lernen soll, solltest Du endlich losfahren!“

 

Gesagt, getan. Das zu denken, wenn ein Hund gesprochen hat, fühlte sich immer noch seltsam an.

Wir fuhren eine Weile schweigend einfach ins Blaue hinein.

„Und?“, fragte ich meinen Beifahrer. „Alles in Ordnung?“

 

„Ja!“, war die prompte Antwort. „Ich kann es jetzt und es macht mir Spaß. Auf meinen Pfoten hätte ich viel, viel länger gebraucht,

um so vieles zu sehen.“

 

„Trotzdem sollten wir uns auch ein bisschen bewegen. Da hinten beginnt ein schöner Waldweg.“ Ich parkte ein und wir gingen los.

Weil niemand außer uns unterwegs war, nahm ich die Unterhaltung wieder auf.

„Weißt Du, Hans, ich freue mich, dass Du so schnell gelernt hast. Das beweist, das sowohl ein Hans als auch ein erwachsener Hund etwas lernen kann, was ein Hänschen oder ein Welpe oder junger Hund nicht konnte.

Ich finde, es sollte noch eine Variante der Redensart geben: Was Hänschen lernt, verlernt Hans nimmermehr.

Ich vermute, dass es bei Euch Hunden nicht anders ist als bei uns Menschen.

 

Auch wer nicht Hans heißt oder nicht wie ich einmal ein Hänschen war, hat in jungen Jahren Dinge gelernt und kann es auch später noch.

Einiges noch wie aus dem Effeff, manches ist vielleicht ein wenig eingerostet.

Aber mit ein bisschen Übung und Gehirnschmalz geht es dann doch ganz gut oder manchmal wieder wie geschmiert.

Die Klassiker sind bei uns Menschen Fahrradfahren und Schwimmen. Bestimmt auch das Spielen eines Instrumentes, Liedtexte, Tanzen und Fremdsprachen.

Die Qualität in der Gegenwart ist natürlich abhängig davon, wie gut man schon in der Vergangenheit war. Sie ist aber ausbaufähig.“

Ich machte eine kurze Pause und blickte meinen Weggefährten an.

Er schaute sich kurz um, so als wollte er überprüfen, ob jemand in der Nähe war.

 

„Mach ruhig weiter. Ich bin neugierig, wie ihr so tickt. Außer Gerda habe ich nicht viele Menschen kennengelernt.

Gerda war mein altes Frauchen.“

Sein Blick wirkte traurig.

 

„Ist okay. Sie hat mich mein Leben lang begleitet, war immer gut zu mir und ich war gerne bei ihr. Ab und zu bin ich traurig.

Aber es war richtig sich zu trennen. Und bevor Du fragst. Ich bin gerne bei Euch und fühle mich sehr wohl.“

 

Ich hätte nie gedacht so etwas zu einem Hund zu sagen:

„Es ist schön, dass Du über Deine Gefühle sprechen kannst.

Diese Fähigkeit haben viele Menschen nicht oder nur eingeschränkt.

Sie haben stattdessen gelernt, dass es besser ist, ihre Gefühle nicht zu zeigen und auch nicht darüber zu reden.

Es gibt vieles, was man gelernt hat, weil es nützlich war. Leider kann es später einschränken.“

 

„Nenn mal ein paar Beispiele. Wie gesagt, ich möchte lernen, wie ihr Menschen tickt.“

 

„Da gibt es einige:

Nicht „nein“ sagen können,

Nur mit Ellenbogen vorankommen,

Im Streit immer Nachgeben,

Lieber den Mund halten,

Immer alles unter Kontrolle haben,

Sich immer anstrengen,

Immer kämpfen müssen.

Die Liste würde bei genauem Nachdenken noch deutlich länger.

Es sind alles Muster und Verhaltensweisen, die man früh in seinem Leben, manchmal auch in der jüngeren Vergangenheit gelernt

und verinnerlicht hat.

Und immer aus gutem Grund. Weil es wichtig und oft auf im wahrsten Sinne des Wortes notwendig war.

Und obwohl inzwischen die Not vorbei ist, der Mensch erwachsen ist und ein anderes Verhalten zeigen könntet, gelingt es ihm nicht.“

 

„Der Menschen glaubt doch immer, das klügste Lebewesen zu sein.

Wieso ändert er es nicht?“

 

„Das liegt daran, dass die meisten sich nicht bewusst sind, dass es sich um Fähigkeiten handelt. Solange etwas unbewusst geschieht,

hat man keinen Einfluss. Es passiert einfach. Erst durch das Bewusstmachen eröffnet sich die Chance, sein Verhalten bewusst zu ändern.

Fähigkeiten sind unerlässlich.

Die Fragen, die erlaubt und wichtig zu stellen sind:

Passt diese Fähigkeit zur gegenwärtigen Situation?

Will ich mein Können jetzt anbringen?

Eine herausragende Fähigkeit besteht darin, zu erkennen und zu entscheiden, sein Können anzubringen oder auch darauf zu verzichten.“

 

„So ist das mit meiner Fähigkeit zu sprechen. Deswegen schaue ich mich immer erst um, wenn ich mit Dir spreche.

Das muss sonst keiner wissen. Du bist außer Gerda auch der Einzige, der es weiß. Behalte es bitte für Dich.“

 

„Wieso kannst Du es eigentlich?“

 

„Es war notwendig, weil Gerda so einsam war.“

 

„Hast Du das Gefühl, dass ich auch einsam bin?“

 

„Nein, aber wie Du selbst gesagt hast: Die Fähigkeit ist nicht weg, wenn die Not vorbei ist. Es gefällt mir einfach mit Dir zu reden.“

 

„Danke, es ist ein sehr schönes Geschenk!

Können andere Hunde eigentlich auch „Mensch“ sprechen?“

 

Kaum hatte ich es gesagt, rannte er los. Im Zickzack.

Die Frage nach dem Wieso erledigte sich sofort, als ich die Maus sah, die er jagte.

Reflexartig rief ich „Aus!“, ohne zu wissen, ob er dieses Kommando kannte.

So oder so war es zu spät. Er hatte die Maus erwischt und gefressen.

„Spuck sie aus!“ rief ich.

 

„Zu spät.“

 

„Wieso hast Du das gemacht?“

 

„Weil ich es kann. Gelernt ist gelernt! Wie Du gesagt hast: Was Hänschen lernt, verlernt Hans nimmermehr“

 

„Das ist nicht schön, sondern ekelhaft!“

 

„Geschmacksache. Auch wenn ich mit Dir spreche, lieber Hans, vergiss nicht, dass ich ein Hund bin. Ich bin auch Jäger!“

 

Damit hatte er natürlich recht. Dass er sprechen kann, hatte mich seine Fähigkeit, als Hund jagen zu können, vergessen lassen.

 

„Das sehe ich ein.“

Ich konnte aber nicht umhin, ihn zu bitten, seine jagdlichen Fähigkeiten in meiner Gegenwart nicht auszuleben.

 

„Ich versuche es. Das ist aber nicht einfach.

Du weißt nicht, welchen Spaß es macht!“

 

Wir waren am Auto angekommen. Wie selbstverständlich öffnete ich Hans die Tür, er stieg ein, ich schnallte ihn an

und wir machten uns auf den Heimweg.

Nach ein paar Minuten des Schweigens bemerkte ich, dass Hans mich ansah.

„Was?“, fragte ich.

 

„Das muss unter uns bleiben.“

 

„Das mit der Maus?“

 

„Nein, Du kannst gerne jedem erzählen, was für ein guter Jäger ich bin.

Ich meine das mit dem Sprechen.“

 

„Kein Problem, das bleibt unser Geheimnis. Würde mir eh keiner glauben, sondern denken, dass ich verrückt geworden bin!“

 

„Abgemacht. Ich fahre übrigens gerne Auto!“

 

© Hans Lunkeit

 

P.S.

Du bist nicht Deine Gefühle.

Du bist nicht Deine Fähigkeiten.

Du bist, was Du damit machst.

 

 

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