Von Wörtern und Jogginghosen
Ich hatte Feierabend und es mir auf unserem Sofa gemütlich gemacht. Dazu gehörte auch, dass ich die „gute“ Jeans und das Hemd gegen meine Lieblingsjogginghose und ein Sweatshirt getauscht hatte. Im Fernsehen lief irgendein Magazin. Ein bisschen Berieselung zur Entspannung.
Hans erkannte die Zeichen der Zeit, dass es heute keinen dritten Spaziergang mehr geben würde und hatte es sich neben mir ebenfalls gemütlich gemacht. Wenn ich mich lang mache, tut er es auch und legt seinen Kopf gerne auf meine Oberschenkel.
So entspannen wir oft im Duett.
Mit halbem Ohr und leicht geschlossenen Augen bekam ich mit, dass es im Fernsehen um Jogginghosen, besser „die“ Jogginghose als Kleidungsstück ging.
Sie soll 1920 erfunden worden sein. Als Sporthose. Zum bequemen Dehnen und Laufen.
Inzwischen ist sie für viele von einem Sportbekleidungsstück zu einem Accessoire für Bequemlichkeit mutiert. Gute Erfindung.
Ich war überrascht, die Stimme von Karl Lagerfeld zu hören und wurde neugierig, was der Modeschöpfer und -experte zu sagen hatte.
Es war ein Ausschnitt aus einer Talkshow zu sehen. In seiner typischen Art sagte er folgenden Satz:
„Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren!“
„Hast Du gehört?“ Ich schaute meinen Liegepartner an.
„Du bist gerade in schlechter Gesellschaft!“
„Wir beide wissen doch genau, dass das weder generell noch in Deinem Fall so ist. Es kommt doch auf den Kontext an. Gemütlich und bequem, wenn Feierabend ist, in der Chillout-Area auf dem Sofa.
Außerdem kann es uns doch völlig egal sein, was ein Modeschöpfer sagt, oder?“
„Vielleicht. Aber der gute Karl und Dein „kann uns egal sein“ haben mich gerade auf eine Idee gebracht. Nehmen wir doch mal seine Behauptung als eine Metapher und die Jogginghose ist ein Sinnbild für andere Dinge. Dann, dann ist das Wort „egal“ so etwas wie die bequemste und pflegeleichteste Hose, die es gibt.“
„Benutzen Menschen es daher so häufig? Ich bekomme viele Unterhaltungen mit und höre oft, dass gesagt wird: „Ist mir egal“, oder manchmal auch nur „Egal.“
Das klingt nach Desinteresse. Ist das so?“
Ich hatte den Fernseher ausgemacht. Es schien, dass eine interessante Sprechzeit anstand.
„Nicht nur. Wer es benutzt, muss sich nicht entscheiden, sich nicht anstrengen. Diskussionen werden vermieden, Streit auch. Manche benutzen es auch, um anderen zu gefallen.
Das hat leider Folgen. Die eigenen Bedürfnisse bleiben auf der Strecke. Wem vieles egal ist, für den entscheiden andere, was gemacht wird. Auf Dauer kann sich dann eine Gleichgültigkeit einschleichen und am Ende ist einem tatsächlich alles egal.
Dann kommt das „Egal“ wie ein Reflex aus dem Mund.
Zum Griechen oder zum Italiener?“ Crime oder Komödie? Spazieren gehen oder Radfahren?
Oft genug werden solche Alternativen angeboten. Manchmal noch nicht einmal das. „Ich möchte gerne …!“, sagt ein Mensch und setzt damit ein Zeichen dafür, was er möchte.
Dann ist es wichtig nachzuspüren, ob es einem egal ist, oder nicht.
Wenn man sagen kann: ‚Mir ist beides oder alles recht!‘, und dabei kein inneres Zögern merkt, dann ist es wirklich egal, dann ist es gleichgültig!“
„Da bekommt das Wort ‚gleichgültig‘ eine besondere Bedeutung. Es ist beides oder alles gleich gültig!“
Wieder einmal war ich fasziniert von der Klugheit meines Corgis.
„Jap! Dann kann man es sich in der verbalen Jogginghose bequem machen und sich treiben lassen. Falls nicht, sollte man aufstehen und sich sprachlich ordentlich anziehen. So wie zu einem wichtigen Termin.“
„Ich denke, dass die meisten Menschen – Du ja auch - nicht nur eine Jogginghose im Schrank haben, sondern auch mehrere Jogginghosenwörter besitzen.
Ich höre auch oft das Wort „eigentlich“ oder die Hose in XXL: „Ach; ich weiß auch nicht“ oder „Spielt ja keine Rolle, was ich denke!“
„Du hast recht. Leider sperren sie damit ihre eigenen Bedürfnisse wie in ein Gefängnis ein.
Und irgendwann entsteht das Gefühl von lebenslänglich gefangen zu sein.
Aber selbst im scheinbar hermetisch abgeriegelten EGAL-Gefängnis gibt es Türen. Vielleicht sind sie gut versteckt und getarnt. Vielleicht sind sie auch sichtbar, haben aber keine Klinken oder Schlösser. Wie also herauskommen?
Kennst Du das Märchen „Ali Baba und die 40 Räuber“?
Da öffnet sich ein unsichtbares Tor in einer Felswand auf die Worte „Sesam öffne dich!“
Aus dem EGAL-Gefängnis werden diese drei Worte niemanden befreien.
Wer herauskommen möchte, um die eigenen Bedürfnisse zu befriedigen, braucht andere Wörter oder Sätze, die am Anfang fremd und deshalb wie Zauberformeln klingen.
Sätze wie:
Ich möchte ..., ich will …, mir ist wichtig …, ich möchte/will nicht... oder simpel ein klares Nein.
Da muss jede/r ausprobieren, was am besten passt. Die Lösungswörter sind so individuell wie das Egal-Gefängnis.“
„Ich könnte mir vorstellen, dass viele genau wie Ali Baba Angst haben, das Tor zu öffnen. Schließlich weiß man nicht, was einen erwartet.“
„Wenn die Angst zu groß ist, sagt man einfach schnell ‚Ist (mir) egal!‘
Schon ist man in Sicherheit, aber auch gefangen. Es gibt einen großen Unterschied zu Ali Baba.
Er ging in eine dunkle Höhle. Aus dem Gefängnis hinaus geht es aus der Dunkelheit in die Freiheit.“
„Und es gibt eine große Gemeinsamkeit mit Ali Baba: Hinter beiden Toren wartet ein Schatz!“
„Ich hätte jetzt doch noch Lust auf einen kleinen Spaziergang. Du auch? Oder möchtest Du hier liegen bleiben?“
Es war wieder dieses Hansemann-Grinsen zu sehen.
„Ist mir wirklich gleich gültig! Aber wenn wir gehen, zieh Dir eine ordentliche Hose an. Es ist mir nicht egal, wie Du neben mir herumläufst!“
© Hans Lunkeit
P.S.
Egal ist etwas nur dann,
wenn es wirklich
gleich gültig ist.