Schmetterlinge sind Sinn-voll
Es wachsen einige Schmetterlingsflieder in unserem Garten. Sie sind in der Blüte ein wunderschöner Farbtupfer.
Die Farben ihrer Dolden erzeugen zusätzlich ein buntes Insektentreiben. Bienen und anderes Getier und – bei ihrem Namen nicht gerade überraschend – Schmetterlinge.
Während in den Fliederbüschen alles aktiv und fleißig war, hatten Hans und ich entschieden, uns davon nicht anstecken zu lassen, sondern es uns auf der Terrasse gemütlich zu machen und zu faulenzen.
„Ich mag Schmetterlinge, sie sind wunderschön!“
Trotz der fast geschlossenen Augen war Hans das bunte Gewimmel an den Blüten nicht entgangen.
„Ich habe vor einigen Tagen einen Aufruf vom Naturschutzbund Deutschland gehört. Es wurde gebeten, Schmetterlinge zu zählen.
Am besten auch aufzuschreiben, um welche Art es sich handelt.“
„Wieso?“
Eine typische Frage meines sprechenden Corgis, der nicht einfach etwas tut, nur weil jemand darum bittet. Er braucht einen Grund.
Und es schadet nicht, wenn es mehrere triftige Gründe gibt.
„Die Zahl der Schmetterlinge und der Arten ist gesunken. Es gibt weniger Nahrungspflanzen für die Raupen und auch weniger Nektarpflanzen
für die geschlüpften Schmetterlinge.“
„Wenn der NABU weiß, dass die Zahl gesunken ist, wieso sollen wir dann noch zählen?“
Wie gesagt, es braucht Gründe.
„Wahrscheinlich, weil es auch darum geht, welche Arten besonders betroffen sind. Dann kann man mit entsprechenden Anpflanzungen gegensteuern.“
„Braucht man denn unbedingt Pflanzen? Reichen nicht auch Menschen? Ich habe letztens ein Gespräch von zwei jungen Frauen mitbekommen.
Die eine sagte, sie hätte seit dem letzten Wochenende Schmetterlinge im Bauch.“
„Das ist eine Redensart. Wir Menschen benutzen sie für das Gefühl, das man hat, wenn man frisch verliebt ist. Das kennst Du bestimmt auch. Denk mal nur daran, wie es ist, wenn wir Lucy treffen!“
In Hansemanns Augen – ich nenne ihn auch gerne mal beim Kosenamen – entstand ein Glänzen und Leuchten. Lucy ist die Staffordshire-Hündin,
die wir schon öfter auf Spaziergängen getroffen haben. Zwischen den beiden war es Liebe auf den ersten Blick.
„Die Redensart stimmt. Es hat etwas Leichtes, Beschwingtes und auch Flatteriges, wenn ich Lucy sehe. Bei Bosse fühlt es sich ganz anders an.
Eher wie die Wespen und im Flieder.“
Bosse ist ein Berner Sennenhund. Hans kann ihn einfach nicht leiden.
„Weißt Du Hans, ich denke gerade darüber nach, ob der vom NABU befürchtete Rückgang an Schmetterlingsarten und ihrer Zahl auch auf die schönen, guten, schmetterlingsgleichen Gefühle zutrifft. In der Redensart von den Schmetterlingen im Bauch geht es ja nicht nur um Liebe,
sondern um ein Gewimmel von Gefühlen.
Echte Schmetterlinge benötigen das Zwischenstadium der Raupe, um ihre Schönheit entfalten zu können.
Wir Menschen brauchen Auslöser dafür. Auslöser, die unsere Sinne ansprechen.“
„Gilt das auch für Hunde?“
„Ja, natürlich. Du musst doch Lucy nur sehen und Du spürst ein Glücksgefühl.“
„Und wie gut sie riecht! Bosse muss ich nur sehen oder riechen oder hören und schon fliegen die Wespen los!“
„Genauso funktioniert das mit den Gefühlen, den schlechten wie den guten. Das heißt, wir müssen etwas sehen, hören, schmecken, riechen oder auch fühlen.“
„Ein Gefühl als Auslöser für ein Gefühl?“
„Ja, auch das. Manchmal braucht es ein Fühlen, Spüren von außen, damit im Inneren ein Gefühl entstehen kann. Wärme oder Kälte, Wind, die Sonne in Deinem Gesicht, eine Berührung durch Dich selbst oder jemand anderen. So wie jetzt, wenn ich Deine Ohren kraule.
Jede Wahrnehmung kann ein Auslöser sein. Jeder Auslöser ist wie eine Raupe, aus der ein Schmetterling wird. Bei den Gefühlen geht es nur viel, viel schneller.
In Sekundenbruchteilen findet die Verpuppung statt und ruckzuck entsteht ein Gefühl. Je nachdem, was Du wahrgenommen hast,
entsteht ein Schädling oder ein schöner Schmetterling.
Es ist also wichtig, was Du aufnimmst. Und ja, es ist nicht zu verhindern, dass auch so etwas wie ein Schädling entsteht, weil Du etwas schlucken musstest, was nicht angenehm war. Dann ist es wichtig, dieses schlechte Gefühl, diesen Schädling nicht noch weiter zu füttern. Deshalb macht es wenig Sinn,
dass Du Dich noch zehnmal nach Bosse umdrehst, wenn wir ihn getroffen haben.
Nimm dann lieber „gute“ Nahrungsmittel. Etwas Schönes sehen, hören, fühlen, schmecken, riechen, schnell verpuppen und schon ist ein buntes,
leichtes Gefühl da. Wie ein Schmetterling.“
„Ich benutze ja sehr gerne meine Nase. Sie funktioniert wesentlich besser als Eure Menschennasen. Du glaubst gar nicht, was ich alles erriechen kann,
wenn wir spazieren gehen.“
„Ich habe es mir gedacht, weil Du oft so verträumt schaust, wenn Du an etwas schnupperst. Das Großartige an unseren Gehirnen ist,
dass auch die Erinnerung an etwas, die Vorstellung von etwas Wunderbarem ausreicht, um ein gutes Gefühl entstehen zu lassen.
Vielleicht ist dieser Schmetterling nicht so groß und bunt, aber es ist ein Schmetterling.“
„Gut, dass wir kein Flieder sind und warten müssen. Wir können die Schmetterlinge selbst machen.“
„Ich sehe gerade einen besonders großen, bunten und schönen über Deinem Kopf.“
„Das ist gut möglich. Ich war gerade mit allen Sinnen bei Lucy!“
© Hans Lunkeit
P.S.
Aus Raupen werden Schmetterlinge.
Schmetterlinge können fliegen.
Gefühle nicht.
Die machst Du.