Tu-Es-Day, 03.02.2026

Blutsauger

 

Wir hatten einen langen Spaziergang hinter uns. Durch den Wald, auf gepflasterten Wegen, aber auch querfeldein durch das manchmal hohe Gras der Wiesen.

Ein Corgi hat ein großes Herz. Die Körpergröße ist überschaubar. Und deshalb war Hans an einigen Stellen von außen nicht zu sehen, an anderen schauten nur seine Ohren hervor.

Trotzdem hatte er offensichtlich Spaß, denn es roch wunderbar und es schien ihm ein Vergnügen zu sein, ab und zu wie ein Gummiball durch das Gras zu hüpfen.

Wer selbst Hunde hat oder wie wir auch gerne abseits der Wege einfach durch die Natur marschiert, kennt die Gefahr, die dort lauert:

Blutsauger. Genauer: Zecken!

 

Zuhause angekommen war es daher angeraten, uns nach diesen kleinen Plagegeistern zu untersuchen. Hans hatte weniger Glück als ich. Offensichtlich liebten ihn die blutsaugenden Ungeheuer mehr als mich. Wahrscheinlich deshalb, weil man sich in seinem Fell so prima festhalten und sich dann gemütlich bis zur Haut durcharbeiten kann.

 

Nach sorgfältiger Prüfung hatten wir acht gefunden, denen ich dann den Garaus machte.

Zum Glück ließ Hans das Entfernen geduldig über sich ergehen. Wir hatten früher eine Hündin, die die Tierchen immer wie ihr wertvollstes Eigentum verteidigte. Da brauchte ich mehr Geduld als sie.

„Wir müssen unbedingt zum Tierarzt und ein Mittelchen besorgen, damit sie an Dir auch keinen Gefallen mehr finden.

Diese Viecher sind einfach nur ekelhaft. Eigentlich wie alle Blutsauger.“

Wir waren allein zuhause, deshalb hatte Hans Sprechzeit und erzählte von früher.

 

„Ich habe mal zusammen mit Gerda ein Film im Fernsehen gesehen, in dem Menschen anderen das Blut aussaugten und sie damit auch zu Blutsaugern machten. Das war gruselig. Auch für mich!“

 

„Das sagt ein Corgi?“

 

„Wir sind auch nur Hunde!“

 

So kenne ich ihn, immer schlagfertig.

„Weißt Du Hans, zum Glück ist das, was Du im Film mit den Vampiren gesehen hast, nur Phantasie. Die einzigen Säugetiere,

die sich ausschließlich von Blut ernähren,

sind die Vampirfledermäuse. Der Horror hält sich aber in Grenzen. Ich habe mal gelesen, dass sie so groß wie eine Maus sind und ungefähr die Flügelspannweite einer Amsel haben. In unseren Gefilden gibt es sie aber nicht.

In Menschengestalt gibt Blutsauger nicht.

Leider gibt es aber vampirähnliche Menschen.

Diese wahren Monster ernähren sich nicht vom Blut anderer Menschen, sondern von einer anderen lebenswichtigen Ressource, dem Selbstwert.“

 

„Was ist der Selbstwert?“

 

„Das ist ein eine Mischung aus der Art und Weise wie Du positiv über Dich selbst denkst und welche guten Gefühle Du Dir selbst gegenüber hast. Es hat etwas mit Vertrauen in Dich zu tun. Dass Du etwas kannst, dass Du wertvoll, liebenswert und für andere wichtig bist. Dazu gehört auch, dass Du Dich selbst liebhast.“

 

„So kommen wir Corgis auf die Welt!“

 

„Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass auch jeder Mensch mit einem gesunden Vorrat an Selbstwert oder Selbstwertgefühl auf die Welt kommt.

Und genau wie beim Blut wächst der Vorrat, wenn nichts Schlimmes passiert.

Ein Neugeborenes hat ungefähr ein Viertelliter Blut, ein erwachsener Mensch fünf bis sechs Liter.

Bei gesunder Entwicklung nimmt auch das Selbstwertgefühl, der Selbstwert zu. 

Wenn, ja wenn uns nichts Schlimmes passiert.

Und dieses Schlimme kann sein, dass wir einem selbstwertsaugenden Vampir in Menschengestalt begegnen, uns niemand beschützt, wir uns selbst nicht verteidigen können.“

 

„Und wie saugen sie den Selbstwert?“

 

„Unterschiedlich. Sie reden Dir ein, dass Du nichts kannst, zu dumm bist und halten Dich klein. Sie stellen Dich bloß und machen Dich vor anderen lächerlich. Sie mobben Dich. Manche tun Dir körperliche Gewalt an. Manche psychische oder beides.  

Wenn Du Dir noch einmal die Blutmengenunterschiede zwischen Kindern und Erwachsenen vor Augen führst und auf den Selbstwert überträgst, wirst Du verstehen, dass es für Kinder besonders gefährlich ist, wenn sie einem Selbstwertsauger begegnen.

Aber auch der Vorrat eines Erwachsenen ist begrenzt.

 

Der Selbstwertverlust macht uns wie Blutverlust kraftlos, schlapp und apathisch, wir werden immer schwächer.

Leider passiert dann in der Realität häufig das, was auch in den Horrorgeschichten geschieht.

Wer Opfer eines Vampirs geworden ist, wird oft selbst zum Blutsauger.

Ein Grund dafür, dass diese Selbstwertsauger nicht aussterben.

Ich habe das Gefühl, dass ihre Zahl in letzter Zeit noch zugenommen hat.“

 

„Kann man sich nicht schützen?“

 

 „Das, was Du vielleicht im Film über den Kampf gegen Vampire gesehen hast, ist Phantasie. Knoblauch und geweihte Kreuze können bei Selbstwertvampiren nicht helfen.

Das mit dem Pfählen sollte man auf jeden Fall lassen.

Aber Vampire und Selbstwertsauger haben eines gemein: Sie sind lichtscheues Gesindel.

Sonnenstrahlen und Tageslicht machen ihnen den Garaus.

Darin kann eine Lösung, ein Schutz bestehen.

Es ist wichtig, dass ihre Untaten und Versuche, andere auszusaugen, ans Licht kommen.

Für Kinder gilt: Redet mit anderen darüber. Erwachsene mit einem größeren Vorrat an dem Lebenselixier Selbstwert können Euch helfen.

Für Erwachsene gilt das sicher auch.

Aber auch sofortige Gegenwehr und ein klares „Nein, so geht niemand mit mir um“ kann helfen.

 

War es nicht so, dass Vampire sich nicht im Spiegel sehen können? Vielleicht aus gutem Grund.

Was passiert wohl, wenn man ihnen den Spiegel vorhält und sie ihre eigene hässliche Fratze sehen können?

Vielleicht schlägt sie das in Flucht?“

 

„Was ist mit Zähnezeigen? Damit mache ich anderen klar, dass es eine Grenze gibt!“

 

„Auf jeden Fall!

Das geht nur nicht immer, zum Beispiel, wenn einem mächtige Selbstwertsauger in Form von Vorgesetzten ans Leder wollen.

Da hilft es, standhaft zu bleiben und so zu tun, als hätte er oder sie Erfolg gehabt.

Du weißt schließlich, dass Dir gerade eine armselige Kreatur gegenübersitzt.  

Es gibt Situationen, in denen das Vortäuschen des Selbstwertverlustes überlebenswichtig ist. Dann hört der Vampir auf und man kann sich in Sicherheit bringen und erholen.

Es ist aber auch wichtig, zwischen Selbstwertsaugen und Kritik zu unterscheiden.

Kritik kann Dich, wie eine Infusion, stärker und besser machen.

 

„Und was kann man tun, wenn doch etwas verloren gegangen ist?

Ich frag für einen Freund!“

 

„Einem Menschen hilft auch ein Blick in den Spiegel. Es tut gut, sich selbst etwas Nettes und Aufbauendes zu sagen. Komm mal mit!“

Ich stand auf und ging mit Hans zum Teich in unserem Garten.

Wir konnten unsere Spiegelbilder sehen, womit bewiesen war, dass wir keine Vampire sind.

„Und was siehst Du?“ fragte ich ihn.

 

„Zwei nette Kerle, die sich selbst mögen und den anderen auch!“

 

„Und?“ fragte ich, weil ich einen kleinen Unterton hörte.

 

„Ich habe wohl im Heim tatsächlich kleine Verluste erlitten. An solchen Tagen wie heute und unseren Gesprächen tanke ich wieder auf!“

 

© Hans Lunkeit

 

 

P.S.

Der Selbstwert heißt deshalb Selbstwert,

weil Du allein Deinen Wert

selbst bestimmst.

Das Gleiche gilt für Dein

Selbstwertgefühl.

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© Hans Lunkeit